ERKENNTNISGEWINN AUF LERNREISE

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In diesem Artikel soll es zum einen um allgemeine Möglichkeiten des Erkenntnisgewinns und den generellen Anspruch des Projektes gehen. Zum anderen soll auf die zentralen Tätigkeiten und Methoden hingewiesen werden, die auf Lernreise eingesetzt werden, um Erkenntnisse zu gewinnen. Diese Methoden – konkret sprechen wir hier von Schulleitungsgesprächen (Interviews), Hospitationen (Beobachten) und Reflexionen (Vergleich) – werden hier kurz thematisiert und in weiterführenden Artikeln (siehe Verlinkungen) ausführlich besprochen.



ERKENNTNISGEWINN AUF LERNREISE: DIE HERAUSFORDERUNG

Die Schulbesuche auf Lernreisen stellen in mehrfacher Hinsicht eine sowohl interessante als auch herausfordernde Möglichkeit dar, um neue Erkenntnisse zu gewinnen. Innerhalb von zwei Wochen an sechs verschiedenen Schulen zu hospitieren, bietet Möglichkeiten, neue Ansätze kennenzulernen, den eigenen Horizont zu erweitern und Erkenntnisse zu generieren. Gleichzeitig ist es extrem herausfordernd, jeden der sechs Schulbesuche produktiv zu gestalten und jeder Schule in der kurzen Zeit, die man vor Ort, ist gerecht zu werden. Hinzu kommen teilweise konkurrierende Ansprüche und Erwartungen der Gruppenmitglieder.

 

VON INSPIRATION, ERKENNTNIS, BREITE UND TIEFE: DIE VERSCHIEDENEN INTERESSEN HINSICHTLICH DES ERKENNTNISGEWINNS

Auf den bisherigen Lernreisen wurde die Erfahrung gemacht, dass die Teilnehmenden mit sehr unterschiedlichem Anspruch, unterschiedlicher Motivation und dementsprechend auch mit unterschiedlichem Erkenntnisinteresse an der Lernreise teilnehmen.

 

Erkenntnisinteresse: Die deutsche Schullandschaft kennenlernen & Inspiration finden

Ein Erkenntnisinteresse besteht darin, die Schullandschaft kennen zu lernen, Vorbilder zu treffen und Inspiration zu finden. Es geht vor allem darum, neue pädagogische Ansätze kennenzulernen, zu erfahren, mit welchen Konzepten einzelne Schulen Antworten auf allgemeine Probleme finden und Lehrer*innen und Schulleiter*innen zu erleben, die eine Vorbildfunktion einnehmen können. Teilnehmende, für die dieses Erkenntnisinteresse im Vordergrund steht, gehen in der Regel mit einem sehr offenen und neugierigen Blick in die Schulen. Ihr Fokus: Was kann ich für meine eigene pädagogische Arbeit mitnehmen? Was kann ich von dieser Schule lernen? Welche besonderen Konzepte gibt es hier, die auch für mich interessant sind?

 

Erkenntnisinteresse: Daten erheben und wissenschaftliche Erkenntnisse generieren

Ein wissenschaftliches Erkenntnisinteresse ist eine andere Herangehensweise, die die Anwendung von abgesicherten Methoden (z.B. kriteriengestützter Beobachtungsbogen) erfordert. Hier steht im Vordergrund,  empirische Antworten auf bestimmte Fragen zu bekommen und diese ggf. auch für Haus- oder Abschlussarbeiten zu nutzen. Um solchen Antworten näher zu kommen und Vergleichbarkeit zwischen den Schulen herzustellen, fokussieren sich die Teilnehmenden hierbei auf einzelne Aspekte, die sie an allen Schulen zu beobachten oder zu erfragen versuchen. Sie schauen weniger in die Breite als vielmehr strukturiert in die Tiefe. Ihr Fokus: Wie verhalten sich die Schulen zu Thema XY? Wie lösen die Schulen Problem YZ? Was sind strukturelle Gemeinsamkeiten zwischen den Schulen?

 

Gleichberechtigung der beiden Ansätze im Rahmen von Prinzip Lernreise

Beide Ansätze stellen a) Idealtypen dar, schließen sich b) nicht unbedingt gegenseitig aus und repräsentieren c) Ansprüche, die jeweils vollkommen legitim sind. Lernreise bietet für beide Ansprüche ausgesprochen gute Möglichkeiten. Lernreise stellt sowohl ein interessantes Forschungsfeld dar, wie auch eine unglaublich gute Gelegenheit, sich inspirieren zu lassen, den Blick schweifen zu lassen und Vorbilder zu erleben.

 

Hintergrund: Lehramtsstudierende zwischen wissenschaftlicher Ausbildung und schulischer Praxis

Man könnte diese Problemkonstellation etwas polemisch auch darauf zurückführen, dass sich Lehramtsstudierende zwischen zwei verschiedenen Funktionssystemen befinden - gewissermaßen zwischen den Stühlen sitzen. Auf der einen Seite haben die allermeisten von ihnen dieses Studium begonnen, weil sie Lehrer*innen werden wollen, weil sie pädagogisch arbeiten möchten und weil sie Schule praktisch gestalten möchten. Auf der anderen Seite befinden sie sich in dem Teil der Ausbildung, der eben im Wissenschaftssystem stattfindet und von diesem ausgestaltet wird. Hier sind sie Teil des Wissenschaftssystems und müssen oftmals nach dessen Logik arbeiten und denken. Die Logik der Wissenschaft ist aber nunmal eine andere als die Logik des späteren pädagogischen Berufes. Das bedeutet nicht, dass wir uns gegen eine wissenschaftliche Ausbildung von Lehrkräften aussprechen, vielmehr geht es uns darum aufzuzeigen, dass die interne Logik von ausbildender Organisation und späteren Berufsfeld unterschiedlich sind und das dies zu Spannungen und auch zu Unmut führen kann. Wir sind allerdings durchaus der Meinung, dass das Zusammenspiel der beiden expliziter thematisiert werden sollte.

 

Zur Vorbereitung: Thematisieren der unterschiedlichen Erkenntnisinteressen

Wichtig für die konkrete Reiseerfahrung und die gemeinsame Reisevorbereitung ist es, sich im Vorfeld über die jeweiligen motivationalen Hintergründe und spezifischen Erkenntnisinteressen auszutauschen. Zum einen, um Unmut auf der Reise vorzubeugen und zu verhindern, dass die Erfahrungen nicht den Erwartungen entsprechen, und zum anderen – eng damit zusammenhängend – um sich adäquat vorbereiten zu können. Nehmt euch also bereits im Vorbereitungsseminar die Zeit, darüber zu sprechen, mit welchen Interessen und welcher Motivation ihr dabei seid und wo euer Fokus liegt bzw. ob ihr bereits einen festen Fokus habt oder ob ihr weitgehend offen in die Schulen gehen wollt. Die Beantwortung dieser Fragen wird ganz wesentlich strukturieren, wie ihr eure Schulbesuche gestalten wollt und damit auch welche Erfahrungsmöglichkeiten ihr für euch selbst schafft. Geht ihr mit offenen Augen drauf los und schaut, was euch begegnet, oder versucht ihr ganz genau bestimmte Felder zu beobachten? Führt ihr lockere Gespräche oder ein vorstrukturiertes Interview? Sammelt ihr nur, was euch gefällt und inspiriert, oder sammelt ihr alle Informationen, Umsetzungsvarianten und konzeptionellen Ideen zu einem abgrenzbaren Problembereich, auch solche, die euch nicht gefallen, um den Bereich besser zu verstehen?

 

Chancen und Grenzen des Projekts

Für beide Ansätze bietet die Lernreise sehr gute und besondere Gelegenheiten. Achtet aber darauf, eure Ergebnisse und Erkenntnisse nicht zu verabsolutieren. Lernreise kann inspirierende Beispiele und interessante (Hypo-)Thesen zur “guten Schule” produzieren. Absolute und abgeschlossene Aussagensysteme kann sie nicht hervorbringen. Unserer Meinung nach sollte es immer der Anspruch sein, das Gesehene und Erlebte in Bezug zu bestehenden Debatten und zu wissenschaftlichen Ergebnissen zu bringen. Die Lernreise bietet die Möglichkeit, viel nebeneinander zu sehen, verschiedene Konzepte und Ansätze zu erleben und sich das Möglichkeitsspektrum der Schullandschaft zu erschließen. Sechs Schulen nebeneinander zu betrachten ist großartig, wahnsinnig interessant und wurde oft als bereichernd beschrieben. Thematisch bietet sich eine Bandbreite, die von der Schulorganisation, über Unterrichtsstile und Classroom-Management bis hin zu pädagogischen Grundannahmen, Haltungsfragen und Schularchitektur reicht. Bedenkt aber, dass das Format durch seinen Zuschnitt gleichsam limitiert wird, wenn es darum geht, in die Tiefe einer Schule oder eines Konzeptes zu blicken und zu verstehen, wie die toll klingenden Konzepte alltäglich umgesetzt werden. Hierfür müsste man wohl länger an den Schulen bleiben! (Warum nicht mal eine Lernreise mit vier Schulbesuchen, die dann aber immer zwei Tage dauern?)

 

Ausblick auf weiterführende Artikel

Bis jetzt gab es in diesem Artikel vor allem allgemeine, hinführende Gedanken. Um noch konkreter zu werden und in die tatsächlichen Tätigkeiten auf Lernreise noch weiter einzusteigen, haben wir weiterführende Artikel zu den wissenschaftlichen Methoden geschrieben, die auf Lernreise eingesetzt werden. Diese Methoden beschreiben dabei Tätigkeiten, die immer auf Lernreise stattfinden, auch dann, wenn kein wissenschaftliches Ziel verfolgt wird. Es geht um das Beobachten, das Gespräch mit Akteur*innen vor Ort (Interview) und das Vergleichen von verschiedenen Schulen. Alles feste Bestandteile des Projekts Prinzip Lernreise, die euch auf jeder Lernreise begleiten, ganz gleich, mit welcher Motivation und welchem Interesse ihr euch auf den Weg gemacht habt.

Unser Tipp: thematisiert die zentralen Methoden und auch eure zentralen Fragen bereits im Vorbereitungsseminar. Es lassen sich auch Diskussionen zu eurer Grundhaltung und Motivation anschließen. Unserer Meinung nach sollte hier versucht werden, eine offene und forschende Grundhaltung zu schaffen, die eben nicht nur Bestätigung für bestehende Annahmen finden will.

 

Anhänge:

  • Beobachten im Kontext Lernreise
  • Interviews und Schulleitungsgespräche im Kontext der Lernreise
  • Vergleichen
  • Haus- und Abschlussarbeiten im Kontext Lernreise


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